Entnommen dem Buch von B.M. Schulz „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke“
von Osnabrücker Rundschau
24. Dezember 2025

Im Rahmen ihrer gemeinsamen redaktionellen Tätigkeit arbeitete Schulz immer mit dem legendären
Osnabrücker Zeichner Fritz Wolfzusammen. Dieses Werk von Wolf schmückt den nun ablaufenden Jahreskalender der
Fritz-Wolf-Gesellschaft 2025 - aktueller könntedas Motiv nicht sein.
Eine Weihnachtslegende
Wie wohl jeder Architekt in seinem Leben einen Stuhl entwerfen will, schreibt auch jeder Dichter in
seinem Leben seine Version der Weihnachtsgeschichte, hier ist die von Bernhard Metternich
Schulz.
Es herrschte einmal bittere Not auf Erden. Die Völker hatten miteinander Krieg geführt, und alle ihre
Angelegenheiten waren unentwirrbar verknäuelt. Das Volk, das den Krieg begonnen hatte, lag am tiefsten darnieder.
In dieser Not schickte Gott um die Weihnachtszeit eine junge Frau, die in Hoffnung war, zu den Flüchtlingen.
Er ließ sie ausweisen von den Angehörigen eines Volkes, dass sich zu den siegreichen zählte. Sie durfte nur
so viel an Wäsche und Nahrung mitnehmen, wie sie zu tragen vermochte. Das war nicht viel; denn sie trug ja
außerdem auch das Kind unter ihrem Herzen. Gott hatte beschlossen, ein Menschenkind, wie auch er einmal
eins gewesen war, zum anderen Male das Licht erblicken zu lassen. Damals war das Land, dessen Bewohner den
Krieg verloren hatten, in Zonen aufgeteilt. Bis zur Grenze einer dieser Zonen, die im Westen des Landes lag,
hielt Gott seine Vaterhand über die junge Frau mit ihrer Hoffnung. Dann, als sie jenen Strich
überschritten hatte, der die Zonen voneinander trennt, zog er seine Hand zurück und ließ sie
allein.
Die junge Frau wünschte sehnlichst, dass Gott ihr wenigstens den Mann mitgegeben hätte. Aber der
Mann musste als Gefangener in einem fremden Land Straßen bauen. So stand sie denn am Heiligen Abend
mutterseelenallein in einem Dorf und wusste nicht, wohin sie ihre Schritte lenken sollte. Gott hatte alles
den Verhältnissen jener Zeit angepasst, es war keineswegs außergewöhnlich, was sich zutragen sollte.
Das statistische Amt sagte „durchaus normal “, als es von Gott nach seiner Meinung gefragt wurde.
Die junge Frau betete. Sie war nicht geradezu fromm, dass Gott sie für diese Prüfung etwa
auserkoren hätte, er wollte eben weiter nichts als zuschauen. Und deswegen tastete die junge Frau vergebens
nach der Hand, die sie
bis hierher geleitet hatte. Da es Abend war und ein Wind aufstand über den Äckern und das Kindlein unter
ihrem Herzen sich zu regen begann, hielt sie Ausschau nach einem Dach.
In der ersten Türe, an die sie pochte, erschien die Haushälterin eines Pfarrers. Seht, ich bin
in der Hoffnung “, sagte die junge Frau und bat um ein bescheidenes Plätzlein in der Wärme des
Pfarrhauses. Aber, die Haushälterin schlug ihr mit einem entsetzten „huch!“ die Türe vor der Nase zu.
Als nächstem kam sie zu einem Beamten, der gerade dabei war, für seine Kinder den Weihnachtsbaum
zu
putzen, und der nach Kuchen roch. Er wollte nicht gestört werden, sagte er, sie sehe doch, dass
Weihnachten sei.
Indes wurde es dunkel zwischen den Häusern, und sie konnte kaum noch die Türschilder
lesen. Deshalb klopfte sie unversehens bei einem Reichen an, dessen Fenster festlich erleuchtet waren. Der Reiche
verwies ihr die Störung, brachte sie bis hinter die Gartenpforte zurück und schloss ab.
Da sie sich vor Leibesnot kaum noch aufrecht halten konnte und bis ans Herz hinan
fror, klingelte sie an der Türe des nächsten Hauses. Dort wohnte ein Schwarzhändler. Der lachte über ihren
Leib und rief: Nee, nee, sowas! Das ist keinen Pfennig wert“, und ließ sie stehen.
Es wurde dunkler und dunkler, Regen sickerte fein auf ihren Mantel, und hinter
den Fenstern sah sie Christbäume strahlen und hörte den hellen Gesang der Kinder. Es wurde ihr
schwer ums Herz, Verzweiflung fiel sie an, und am liebsten hätte sie sich hingelegt, um zu sterben. Aber sie
liebte das Kind, das ungeboren war, und weinte sehr.
So kam sie auf einen großen Hof, Hunde verbellten sie und es roch nach Braten.
Der Gutsherr öffnete selbst die Türe, wohl in der Meinung, einen Freund zu empfangen. Er ließ sie
warten. Eine Magd kam und bot ihr Kartoffeln an, dann drehte sie ihr wortlos den Rücken zu.
Sie versuchte ihr Glück auf vielen Höfen und in vielen Häusern. Sie schlich mit ihrem Bündel von
einem weihnachtlichen Fenster zum anderen, aber überall wurde sie mit schroffen Worten
abgewiesen; es sei kein Platz in ihrem Hause, sagten sie, und Ärgeres.
Derweil war es schon fast Nacht geworden. Die Glocken läuteten zur Christmette. Der jungen
Frau brach das Herz, sie ließ sich auf einen Stein nieder und . . .
Aber in diesem Augenblick schämte sich Gott, dessen menschliche Geburt in dieser Nacht von
den Menschen gefeiert wurde, seiner Geschöpfe. Er hasste sie ingrimmig jetzt, und er hatte lange zu tun, ehe
er einen Menschen gefunden hatte, den er schicken konnte. Es war ein armer Mann, aber er besaß
ein mildtätiges Herz. Der sah die Frau daliegen, stieg vom Rade ab, hob sie empor und führte sie mühsam heim.
Dort legten sie die Frau zu Bett, fragten nicht und brachten ihr Wärmeflaschen und Tee, und da sie gewahrten, wie
es um sie stand, ging der Mann noch einmal in die Christnacht hinaus und holte die Wehmutter.
Gott hatte seine Hand wieder ausgestreckt, und er hielt sie auch über das
Menschlein, das damals geboren wurde.
Entnommen dem Buch von B.M. Schulz „Den Löwenzahn zermalmt nicht die
Kesselpauke“
|