Bernhard Schulz: Ehre deinen Holzschuh (1956)
von Osnabrücker Rundschau
31. Dezember 2025

Ein Zeitgenosse mit Holzschuh: So sah es einst der bekannte Osnabrücker Zeichner Fritz
Wolf
Hintersinniges zum Thema Fußbekleidung
Kurz vor dem Jahreswechsel: Die OR erinnert gern an einen bis heute sehr treffsicheren
Beitrag desOsnabrücker Autoren. Zumal Bernhard Schulz anno 1946 zu Gründungsredakteuren der damaligen Osnabrücker
Rundschau zählte.
Szene aus einem Film, der in Rumänien spielt. Ein Mädchen, etwa 16 Jahre alt, ist aus einer Fürsorgeanstalt
entwichen. Das Mädchen rennt in seinem grauen Kleid und mit derben rindsledernen Schuhen an den Füßen durch den
Wald, wirft sich durch Gestrüpp, stürzt über Äcker, duckt sich in Gräben, reißt sich an Dornen wund, verbirgt sich
unter einer Brücke. Das Mädchen hat seine Verfolger abgehängt, es hat die Freiheit zurückgewonnen, es atmet auf und
bevor es nun zu einem Kraftfahrer auf den Sitz klettert, um in die Stadt zu fliehen, oder irgendwohin, wo es
Freunde zu finden hofft, zieht es die derben rindsledernen Schuhe aus.
Es löst die Schnürsenkel und genießt das Aufknibbeln der harten tranverkrusteten Lederschnüre wie nie
etwas Anderes im Leben, was es auch gewesen sein mag. Dann wirft das Mädchen die Schuhe, die der Anstalt gehören
und gekennzeichnet sind, in den Fluss. Patsch-platschsch. Patsch-platschsch. Weiter nichts. Aber dieses Platschsch,
das da herauftönt, erlebt es wie Anlehnung, Zuneigung, Liebe. Freiheit an den Füßen bedeutet ihr so viel wie
Freiheit im Kopf.
Mit nackten Füßen betritt das Mädchen die neue Strecke eines Weges, dessen Anfang es kennt, aber es kennt nicht
das Ende. Wo sind die Freunde, die es gekannt hat und sind es überhaupt noch Freunde? Zuerst will es auf jeden Fall
die Anstaltsschuhe loswerden, die Fürsorgeschuhe, das verhasste Staatseigentum mit dem Stempel. Es will die
Vergangenheit hinter sich bringen, den Saal mit den Betten, die Küche mit dem Kohlgeruch, die Aufsicht, die
Behörde, die Strafe, die Zwangsarbeit, die Unfreiheit, die Seelenfolter.
Diese Szene aus einem Fernsehfilm, den Millionen gesehen haben, verlieh einem Paar schäbiger Schuhe einen
unerhörten symbolischen Rang. Es spielt hier keine Rolle, ob die 16jährige zu Recht oder zu Unrecht gefangen
gehalten wurde, wichtig ist nur, dass sie diese Geste vollzogen hat: das Wegwerfen der Schuhe. Es warf
die
Schuhe weg, wie man eine Krankheit abschüttelt, einen Zustand beendet, ein Hassgefühl aufgibt.
Aus meiner eigenen Kindheit erinnere ich mich an eine Geschichte, die mit Schuhwerk zu tun hat. In der Schule
gab es einen Jungen, dessen Vater ein russischer Emigrant war. Er hieß Nikolai Andrejewitsch Tschumakow und war im
Dorf als Tierpfleger tätig. Dieser Russe, der so feine Manieren hatte, dass die Dorfbewohner dachten, er sei eine
Art Großfürst oder doch wenigstens Kosakengeneral gewesen, ließ seinem Sohn Stiefel anfertigen, wie sie
adlige russische Kinder auf dem Lande getragen haben mochten. Es waren halbschäftige Stiefelchen aus feinstem
Ziegenleder und um diese Stiefelchen wurde Anton Antonowitsch Tschumakow von der gesamten Dorfjugend beneidet.
Auch ich wollte solche feinen Stiefelchen haben, zum Geburtstag würde es sich doch machen lassen, bittschön.
Aber für die Kinder im Dorf waren nur Schuhe aus Holz vorgesehen, Leder war zu teuer und das seit je. In die
Holzschuhe, die meist zu groß waren, auf Nachwuchs angeschafft, wurde vorne Papier oder Werg
hineingeknetet, damit sie passten. Ich erinnere mich an den Lärm, der entstand, wenn in der Kirche Hunderte von
Holzschuhen den steinernen Fußboden betrommelten. Es war ein Geklapper, das ich nie vergessen werde und erst das
Echo im Kirchenschiff, eine Musik der Armut, ein Konzert für die Ohren des Herrn, dem es gewiss gefallen hat.
Viele Jahre später ist der Wunsch meiner Knabenjahre erfüllt worden. Da wurde mir auf Kammer, so hieß es ja,
Militärstiefel verpasst. Diese Stiefel, die als Knobelbecher im Gespräch waren, besaßen eine überraschende
Ähnlichkeit mit dem Schuhwerk jenes russischen Schulkameraden und in der Tat bin ich in diesen Knobelbechern durch
den Schlamm in der Ukraine und durch den Schnee in Russland marschiert.
Im Leben von Männern, die solche Stiefel tragen mussten, mag es keine glücklichere Stunde gegeben haben als die,
in der sie diese Stiefel wegwerfen durften und zwar für immer. Ich selbst habe meine durchgelatschten
Militärstiefel in die Mülltonne gesteckt. Erst von dieser Minute an begann ich, mich frei zu fühlen. Das Gehen in
der Freiheit hatte ich in Holzschuhen begonnen. Ein Holzschuh hängt heute über meinem Schreibtisch. Ich habe
Strohblumen hineingetan.
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