Leise Prosa mit Paukenschlag
Chronist der kleinen Ereignisse: Bernhard Schulz
„Jede Kurzgeschichte aus Ihrer Feder erinnert mich an eine Sinfonie von Haydn", beschrieb kürzlich ein Kölner Leser
seine Empfindungen bei der Lektüre einer Geschichte von Bernhard Schulz: Die leise beginnenden Prosastücke enden
mit einem brillanten „Paukenschlag".
Zum Werk des Osnabrücker Journalisten, Feuilletonisten und Schriftstellers gehören zwar auch vier Romane, aber sein
Herz schlägt für die Kurzgeschichte: Als eine „Chronik der kleinen Ereignisse" bezeichnet er den aktuellen Band
„Nachmittag mit langsamer Erwärmung". Die 58 Geschichten stellen eine Auswahl jener prägnanten Kurzprosa dar, die
in den vergangenen drei Jahrzehnten mit ihrem stets positiven Ende und ausgefeilten Pointen ihre Leserschaft bei
Tageszeitungen, Zeitschriften, Anthologien und Kalendern in ganz Deutschland fand.
Eine Begegnung mit zwei Heranwachsenden in einem Berliner Stadtbus, ein Automaten-Foto, das sich zufällig in einem
Umzugskarton wiederfindet oder Kinder, die in einer Hecke eine Libelle entdecken - es sind alltägliche
Momentaufnahmen, die Schulz präzis, unspektakulär, humorvoll und mit einem versöhnlichen Unterton erzählt.
„Erfunden habe ich nichts. Die Geschichten liegen auf der Straße, man muss sie nur aufheben", betont Bernhard
Schulz, der am heutigen Donnerstag sein 86. Lebensjahr vollendet. Eine „Auszeit" kennt er nicht. Während er in
seinem journalistischen Berufsleben nur sonnabends Muße zum Schreiben fand, fabuliert er im „literarischen
Unruhestand" je nach Gunst der Stunde: Manchmal stehe er auch nachts auf, um eine Idee zu Papier zu bringen. Die
Originalfassung tippe er auf einer alten mechanischen Schreibmaschine und sei dabei immer noch konkurrenzlos
fingerfertig, bestätigt seine Ehefrau: „Er ist genauso schnell wie ich mit meiner Elektrischen", sagt Gerda Schulz
lächelnd.
(nit) Mareike Nitsche
Aus: NOZ 22.4.1999
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