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Liebe ist ganz anders (2024)

Vorwort


Über zweitausend Erzählungen und Kurzgeschichten verfasste Bernhard M. Schulz (1913-2003) im Laufe seines langen Lebens für Tageszeitungen, Zeitschriften, Kalender, Lesebücher und Anthologien. Die Feuilletons, die täglich unter den Kürzeln „bezet“ oder „B.S“. in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ und ihrer Vorgänger wie die „Neue Tagespost“ erschienen, sind kleine Meisterwerke, die Impromptus eines schreibenden Chopin. Seine Prosastücke wurden mit denen seines Vorgängers Victor Auburtin und den Kalendergeschichten von Friedrich Peter Hebel verglichen und in der Presse wurde er als „dörflicher Böll“ bezeichnet.
In den letzten Jahren hat der aus dem rheinischen Lindlar stammende und in Osnabrück wirkende Autor eine neue Lesergemeinde gewonnen, nicht zuletzt durch die regelmäßigen Neupublikationen seiner Werke zum Zweiten Weltkrieg und die sonntäglichen Nachdrucke in der Osnabrücker Rundschau. Er war ein guter Mensch und ein liebevoller Vater, wie sein Sohn Ansgar bezeugt, der sich intensiv um das väterliche Werk kümmert.
Sein großes Thema war der Krieg, der ihn nicht mehr loslassen sollte, dessen unvergängliche Spuren er Jahrzehnte später immer noch sah. Die längere Erzählung „Die Krähen von Maklaki“ beruht auf einem tatsächlichen Erlebnis des Autors und verbreiteten sich in russischer Übersetzung auch im russischsprachigen Raum.
Schulz, bis zum Ruhestand Feuilletonredakteur der Neuen Osnabrücker Zeitung, war und blieb der Zeitungsmensch, verbunden mit dem Tagesgeschehen, den politischen und menschlichen Katastrophen und Zwischenfällen, deren Chronist er ist. Als mitfühlend kritischer Beobachter steht er ohne Sentimentalität auf der Seite der Schwachen und vom Leben Gebeutelten. Vierundzwanzig Bücher veröffentlichte er zwischen den Jahren 1934 und 2018.
Schon früh fiel Bernhard Schulz auf, als sich der Zehnjährige im Sommer mit einer Tolstoi Ausgabe zur ungestörten Lektüre in die Baumkrone des Birnbaums im elterlichen Garten zurückzog. Er war ein Außenseiter in der Geschwisterschar. Die Mutter sah den Sohn als künftigen Geistlichen im schwarzen Habit, der es womöglich bis zum Kardinal bringen könnte und ließ ihn Lateinstunden nehmen. „Ich glaube, dass mir von Anfang an nicht zustand, mehr zu sein als jemand, der schreibt“, stellt Schulz selbst in einer seiner Erzählungen fest.
Die vorliegende Auswahl enthält einige der schönsten Erzählungen des Autors über die Liebe im weitesten Sinne. „Rosita am schwankenden Mast“ erzählt von einer Teenagerliebe, „Johann und die Dörfchens“ zeigt uns die liebebedürftige Seele eines kreativen Bastlers von Weihnachtsgeschenken für die Dorfkinder, „Die Stunde beim Zeus“ handelt von einer gelungenen Vater-Sohn Beziehung.
Bernhard M. Schulz hatte eine besondere Beziehung zu seiner temperamentvollen und willensstarken Mutter. Immer wieder taucht sie in seinen Erzählungen auf. Sie steht auch hinter dem Einfühlungsvermögen, das der Autor gerade für Frauen beweist, etwa bei der Betrachtung der Schreibtischdekorationen der Sekretärinnen in „Die kleinen süßen Gräuel“ oder dem Psychogramm der jungen Aurelia in „Aurelias muntere Verwandlungen“ aus dem Jahr 1961. Wie so manche Erzählung des Autors wäre auch diese kleine Skizze ein Ausgangspunkt für einen ganzen Roman: Aurelia entsprach Anfang der 60er Jahre dem gängigen Frauenbild, eine Frau, deren eigene Interessen unsichtbar blieben vor den Spiegelungen ihrer jeweiligen Geliebten.
Und auch nachdem wir „Der Indianer überm Schreibtisch“ gelesen haben, möchten wir noch so viel mehr erfahren. Wie groß muss diese Liebe des so unterschiedlichen Paars gewesen sein. Wohlgemerkt, „interracial relationships“, „interracial marriages“ waren in den USA noch vor einigen Jahrzehnten in fast allen US-Einzelstaaten untersagt.
Schulz ist zugleich ein diskreter Autor, dem die grellen Töne nicht liegen. Er, der so viel über menschliches Miteinander wusste, schrieb die tragisch-schöne Geschichte seiner eigenen Entstehung nicht, obwohl sie in der Familie allen bekannt war. Erst spät machte er die Bekanntschaft seines eigentlichen Vaters, eines Herrn von Metternich, der den Internatsaufenthalt seines Abkömmlings finanziert hatte.
Alle Erwachsenen haben Geheimnisse“, schrieb Patricia Highsmith, ein Satz, dem Bernhard M. Schulz vermutlich zugestimmt hätte.
  Maria Regina Kaiser

 


Dieses Buch wurde im Januar 2024 als Neuerscheinung veröffentlicht.

 

 

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