Bernhard Schulz: Bilder im Januar (1956)
von Osnabrücker Rundschau
1. Januar 2026

Januar-Trübsal: Der berühmte Osnabrücker Zeichner und Schulz-Freund Fritz Wolf bannte alles mit
gekonnten Strichen auf das leere Blatt.
Alle reden über das Wetter: Die OR sowieso
Das neue Jahr hat frisch begonnen. Einmal mehr wird es aber, früher oder später, die
Dauerklage gegen „Osnabrücker Schietwetter“ geben. Der 1946 noch weithin unbekannte Redakteur der da0maligen
Osnabrücker Rundschau, Bernhard Schulz, hat sich vor rund 70 Jahren sehr lesenswerte Gedanken zum Schmuddelwetter
gemacht. Die heutige OR dokumentiert gern den zeitlos bedeutenden Beitrag.
Tage voller Schwermut und Einsamkeit. Sanft weint der Regen in die Dämmerung. Schnee fällt und
erlischt auf den Straßen. Durch die Türritzen faucht Wind.
Letztes Erinnern an Weihnachtskerzenglanz und Orgelmusik. Auf den Straßen liegen Lametta
Fäden. Rote und silberne Scherben von Christbaumglas. Der Himmel hängt bleigrau über der Landschaft. Der Wind
presst den Schornsteinrauch in die Straßen.
Der Wind bringt den Schrei der Lokomotiven mit, den Sirenenruf der Fabriken, den Bremsschrei der
Kraftwagen. Der Januar ist der Monat der Vereinsbälle und Stiftungsfeste.
Jetzt am Ofen sitzen und in einem Bauernkalender blättern. Oder die Zeitung lesen. Ein Freund
ist gestorben, mit dem wir zur Schule gegangen sind. Eisblumen schmücken die Fenster. Ein Mann geht mit
Ohrenklappen und Fausthandschuhen hinter einem Hund her. Weißer Nebel dampft von den Mündern. Auf den Dörfern
lastet das Schweigen des Winters.
In den Wäldern ziehen die Pferde Baumstämme durch den verharschten Schnee. Unter ihren Hufen
fetzt die Wald
Erde rot und blättrig auf. Rehe tippeln durch den Tann und ein Fuchs späht nach dem Hühnerstall, die Bäume sind
kahl. An den schwarzen Ästen krustet Regenwasser. Manchmal kommt Frost und überzieht die Pfützen mit hauchdünnem
Eis, das unter den Autoreifen silbern splittert. Die Kälte beißt an den Ohren. Nasse Kälte, fressender Wind,
zehrende Traurigkeit, das haben wir jetzt. An solchen Tagen tut heißer Kaffee gut. Kaffee mit Rum oder mit
Schwarzwälder Kirschwasser.
In den Kirchen knien die Kinder vor dem Stall von Bethlehem. Auf einer Wiese aus grüner
Holzwolle weiden Gipsschafe. Ein Hirtenknabe spielt auf dem Dudelsack und ein Engel spricht Latein. Aber die Stille
ist so eindringlich, dass die Nüsse in den Hosentaschen der Buben zu hören sind.
In einer Dachkammer sitzt ein Mann über einen Globus gebeugt und schaut auf Alaska. Er weiß,
dass in dieser Stunde Schiffe unterwegs sind. Unter seinen Fingerkuppen dreht sich die bunte Kugel, die den Erdball
darstellt. Länder. Meere. Völker. Licht. Finsternis. Der Mann sagt Wörter vor sich hin. Lusitanien.
Weihrauchstraße. Costa Rica.
Ein Käuzchen schreit. Die Furcht geht um. Vor einer Truhe knien und Gewänder auffalten. Die
brokatenen Ballschuhe einer Frau streicheln, deren Andenken längst erloschen ist. Einen Fächer aufmachen und einen
Zettel finden: „Ich liebe dich. Kommst du morgen? Ich erwarte dich.“
Es wäre schön, jetzt mit einem Mädchen verabredet zu sein und sie in einer Bauernwirtschaft zu Schinkenbrot und
Bier zu überreden. Auf dem Heimweg leuchtet uns rubinrote Wintersonne und Wildgänse schreien am Himmel.
Eine Maschine hört auf zu dreschen. Strohduft wölkt über die Straße.
In der Ferne blitzen die Lichter der großen Stadt mit ihren Straßenbahnen, Häusern und Autos.
Violett rotes Geleucht kriecht am Horizont. In einem Konzertsaal neigt sich eine Sängerin über einen Nelkenstrauß,
bevor sie zu singen anhebt.
Krähen pflügen den Himmel auf. Ein Mann fragt nach dem Weg. Vielleicht bekommen wir morgen
Tauwetter.
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