Die Kraehen von Maklaki

 

Die Krähen von Maklaki

Studie über einen Osnabrücker Schriftsteller Bernhard Schulz schrieb den Novellenband "Die Krähen von Maklaki"

Von den Osnabrücker Schriftstellern hören wir immer recht wenig, während die bildenden Künstler die Maler, Graphiker und Bildhauer es bedeu­tend leichter haben und rascher in das Blickfeld der Öffentlichkeit rücken, weil zahlreiche Ausstellungen ihre Kunstwerke, oft mit Reklameaufwand und behördlicher Segnung, mit Ansprachen in dunklen Anzagen und dem neugierigen Schwärm der Kritiker sich dem Publikum anbieten.
Da haben es die Musensöhne, die den Pegasus im Verborgenen reiten, weitaus schwieriger. Wann findet schon eine Dichterlesung Osnabrücker "Schreibersknechte" statt? Das war einmal in den goldenen Jahren zwischen 1920 und 193O! Natürlich kennen wir die Namen jener "Schreiber", die sich in Sachgebieten und Forschungen zur Geschichte der Stadt, in der Entwick­lung der hiesigen Kunst, der Historie des Theaters, in biographischen Unter­suchungen etwa zu Möser oder Stüve oder zur Problematik der Osnabrücker Münzen äußern.
Aber wer könnte so aus dem Stegreif sofort fünf Dichter oder Schrift­steller nennen, die einen gewissen Rang besitzen? Natürlich: Erich Maria Remarque ( der aber heute immer noch verdammt wird), Ludwig Bäte, Wilhelm Fredemann, Johann Spratte, um nur einige wahllos ins Visier zu nehmen. Aber darüber hinaus? Natürlich leben in unserer Stadt eine Reihe Schriftsteller, wenn sie auch nicht in einem Verein wie der aktive "Bund bildender Künstler" vereint sind, der ihnen eine Plattform für die Öffentlichkeit bieten könn­te; aber ihr Wirken verliert sich etwas ins Abseits des Schreibtisches. Außerdem sind die Grenzen zwischen Dichter, Schriftsteller, Feuilletonisten und Journalisten recht fließend, wobei die Frage offenbleibt, wer der nich­tigste oder wer mehr ins Licht der Tagesrampe kommt. Wer verbirgt sich hin­ter Till, Onkel Justus, Tante Petra, Willibald Oncle Joe?
Selbst die Auslage im Schaufenster eines Buchhändlers mit dem Hinweis "Das neueste Werk des bekannten Osnabrückers ..." schlägt weniger Wellen als die Überflutung eines Kellers. Und doch: welche Mühen liegen hinter einem solchen Buch ... noch mehr aber, dafür einen Verleger zu finden. Selbst diese übersprungene Hürde öffnet noch nicht den Zustrom der Käufer, worauf es ja ankommt: der Schreiber verlangt Echo, Widerhall, Zustimmung, Dank, An­teilnahme. Oft kann eine brutale Ablehnung noch bedeutender sein als jede kindliche Anhimmelei.

Der Osnabrücker Bernhard Schulz legt ein neues Buch auf den Tisch: "Die Krähen von Maklaki", (ClaudiusVerlag, München, 120 Seiten, 5,30 DM). Das Biographische ist so knapp, wie der Autor im Umgange beobachtend schweig sam ist: Jahrgang 1914, als der Vater in den Krieg zog; Abitur, Studium aller möglichen Gebiete, um den Horizont zu weiten. Dafür sorgte dann auch äußerlich der Krieg, der ihn zwischen Ost und West als braven Fußlatscher hin und herwarf; aber er fand es nicht sonderlich schön, in einem sinnlosen Kriege Soldat zu sein. Seit 20 Jahren ist er in Osnabrück journalistisch tätig, als FeuilletonRedakteure, was ihm die täglichen Brötchen auf den Tisch liefert; denn vom Bücherschreiben können nur wenige Auserwählte le­ben. Bernhard Schulz ist ständiger Mitarbeiter an vielen Zeitungen, Zeit­schriften und am Rundfunk. Wer auswärtige Zeitungen aufschlägt, findet fast immer heitere Feuilletons, die oft eine betontet nachdenkliche Farbe tra­gen: Geschichten des Alltages, Kummer der kleinen Dinge, Bedrücktsein des Herzens.
An größeren Arbeiten lagen ua. bislang vor: "Das Löwenbanner" (Roman 1938), "Im Westen" (Erzählungen 194l), "Die schwere Not" (Erzählungen 1942), " Die Straße der Väter" (Roman 1944)« "Wendeltreppe zum Glück"« Dies Buch, 1951 erschienen, ist ein RückkehrerRoman nach Osnabrück, vergleichbar Re­marques Heimkehrerroman "Der Weg zurück"; beide Bücher sind Fundgruben kul­turhistorischer Elemente der Stadt aus zwei verschiedenen Epochen, wenn auch das Buch von Schulz mehr freundlichere und hoffnungsvollere Perspektiven auf­weist als das oft düstere Werk Remarques. Die Reisefeuilletons "Picknick am Mittelmeer", 1961, leuchten mit der ganzen Liebenswürdigkeit eines schauenden Reisenden, der die Schönheiten und Widersprüche Spaniens mit freundlich kri­tischen Blicken aufdeckt.
Nun legt uns Bernhard Schulz mit dem Novellenband "Die Krähen von Maklaki" seine neueste Arbeit vor, zwei Novellen, die im russischen Winterkrieg spielen und die, ohne pathetisch oder anklägerisch tu sein, die dunkle aus­weglose Tragik jener Zeit schildern am Schicksal zweier Menschen Erlebnisse, die ohne Zweifel selbstbiographische Begegnungen enthüllen. Die Trostlosigkeit einer Panjehütte, die dunklen Schauer des Winterkrieges, das Bemühen des Ge­freiten Zeiske, ein russisches Waisenkind am leben zu erhalten, schildert die erste Novelle, die das Menschliche betont. über das Tragische ist, dass dieser Versuch zur Menschlichkeit mit dem Tode bezahlt werden muss. Die andere Novelle "Serafims guter Tod" spielt in einer ähnlichen Atmosphäre, wobei ein uralter Russe für die deutsche Gruppe in seiner Panjebude mühsam sorgt; auch hier bleibt das dunkle Ende mit der Frage nach dem "Warum?" offen, wenn auch die Lösung überraschend ist.
Nicht nur die Sprache, die klar, oft kühl ist wie bei Kleist, ohne dessen langen Sätze, sondern die Thematik der Novellen zieht uns an; der fast sach­liche Bericht, der auch den harten Realismus nicht scheut, wird von einer inneren Wärme durchleuchtet, die das Humane betont und neue Hoffnungen auf pflanzt. Der Leser wird unmerklich gezwungen, sich zu entscheiden: das Mensch­liche stärker und verpflichtender als je zu suchen, um das trennende Schneckenhaus zwischen uns Menschen beiseite zu räumen.

Hanns Gerd Rabe


Bernhard Schulz: Die Krähen von Maklaki. Claudius Verlag, München. 119 Seiten, laminierter Pappband 5,80 DM.

Russland, Winter, Krieg; Soldaten, Parti­sanen, Zivilisten. In dieser Welt des Grau­ens und der Kälte zwei Beispiele von Menschlichkeit: Der Obergefreite Zeiske, Gerhard, Jahrgang 98, will weiter nichts als das Leben eines Säuglings retten. Schu­ster Serafim Semnowitsch aus Murdasowa stirbt für einen Menschen, den er für einen Bruder ansah. Einzelschicksale - von vorn­herein zum Scheitern verurteilt. Denn wie pflegte Serafim zu sagen: ,,Woina (Krieg) nix gutt." Diesen Ausspruch zu bestätigen gelingt dem Autor in eindrucksvoller Wei­se. Darüber hinaus versteht er es, ein Lob­lied auf die Wärme und den Mief zu singen. Bernhard Schulz überzeugt in jedem Fall. Dabei strapaziert er weder den Landser­jargon, noch sucht er Zuflucht bei den Heili­gen. Ein nüchternes Protokoll von erschüt­ternder Eindringlichkeit. -t-