Damals. Dorfgeschichten aus dem Bergischen Land

 

Damals Dorfgeschichten aus dem Bergischen Land

Rezensionen: Szenen und Düfte aus der Vergangenheit

Es duftet nach Heu und reifem Obst, nach Ziegenstall und Pferdeschweiß, nach glühendem Eisen und verbranntem Horn, nach Scheune und frischgebackenem Brot. Die Inszenierungen der Natur beherrschen noch die Szene, von der flirrenden Sommerhitze bis zum sprudelnden Bach, vom Rauschen des Windes und Schrei der Eule bis zum Krachen von Blitz und Donner.
Bernhard Schulz hat in seinen Erinnerungen - und in den Veröffentlichungen der Vergangenheit gekramt, und hat seine „Fundstücke" zusammengetragen zu einem Bändchen voller „Dorfgeschichten aus dem Bergischen Land", wo er vor 82 Jahren geboren wurde und aufwuchs. „Damals" ist das Buch betitelt, das - gerade noch rechtzeitig vor Weihnachten - jetzt im Heider Verlag, Bergisch Gladbach, mit Illustrationen von Bruno Kröll erschienen ist.
„Damals", das war in den Kinder- und Jugendjahren des Autors, als in dem noch kleinen Dorf Lindlar gerade der elektrische Strom das Leben veränderte, als in der Dorfschmiede noch die Funken stoben, die Eier-, Brot-, Butter- und Milchmänner, die Schuhmacher und Weißnäherinnen noch ins Haus kamen.
Schulz entwirft in seinen kleinen poetischen Skizzen Bilder ländlichen Lebens mit einem Hauch verklärender Nostalgie, leiser Wehmut und lächelndem Humor. Mit wenigen Sätzen fängt er die Stimmung und Atmosphäre dörflichen Treibens und Handwerks ein. In den alltäglichen Begebenheiten und Episoden entdeckt der Autor dem Leser das Besondere, das sich einst dem Jungen, der sie erlebte, ins Gedächtnis grub.
Das wahre Geheimnis der Verzauberung, mit der Schulz gefangen nimmt - und Ältere selbst zu Erinnerungen verführt - ist die warmherzige Zärtlichkeit, mit der er die Menschen dieser dörflichen Vergangenheit lebendig werden lässt, mit ihren heimlichen oder auch „unheimlichen" Schwächen und Stärken, ihren Marotten, ihrer unverbildeten Schlichtheit und ihrem bescheidenen Fleiß ... kurz mit ihrer Einzigartigkeit, die jeder Einzelne besitzt.
Und der Geruch des frisch gedruckten Buches mischt sich hervorragend mit dem vorweihnachtlichen Duft von Tannengrün und Kerzen. (rw)

Aus: Neue Osnabrücker Zeitung vom 6. Dezember 1996

 

Bernhard Schulz hat seinem Heimatdorf Lindlar einen Kranz aus liebevollen Erinnerungen geflochten

Wie bekam denn der Fuchs bloß die Sardinendosen auf?

Von Gisbert Franken

gf Bergisch Gladbach/Lindlar. Wer hätte das gedacht, dass im fernen Osnabrück die Vergangenheit eines bergischen Dorfes so lebendig ist. In Osnabrück nämlich lebt Bernhard Schulz (Jahrgang 1913), Ruheständler, früher Redakteur einer dortigen Tageszeitung, noch früher Volontär bei der Rheinisch-Bergischen Zeitung (Vorgängerin der BLZ), verheiratet, Vater dreier Kinder, Mieter. Ein gewiss nicht ereignisarmes Leben als Journalist fern der Heimat liegt zwischen ihm und seinen biographischen Ursprüngen in einem bergischen 2000-Seelen-Dorf namens Lindlar.

Doch zum Glück für uns — ob Lindlarer oder Nicht-Lindlarer, bergische Eingesessene oder Zugezogene — hat Schulz die Jahre als Sohn eines Sparkassenrendanten auf dem Land nicht vergessen. Aus seinen Kindheitserinnerungen knüpfte er vielmehr eine ganze Kette voll literarischer Perlen: Kurzgeschichten und Anekdoten, die er im Laufe der Jahre an zahlreichen verstreuten Orten veröffentlichte — in Tageszeitungen, in Kalendern, Zeitschriften und Anthologien.

Nun liegen diese Streiflichter aus dem Alltag eines bergischen Dorfes endlich (als dreizehnte Buchveröffentlichung des Erzählers) in einer kleinen Sammlung von 50 einfühlsamen Vignetten vor: Erschienen unter dem Titel „Damals — Dorfgeschichten aus dem Bergischen Land" im Johann-Heider-Verlag Bergisch Gladbach.

Es sind Geschichten, die selten mehr als drei Seiten in Anspruch nehmen, doch in ihre Kürze eine enorme Dichte zu packen verstehen. Da ist die Ebene der humorigen Schnurre, der schmunzelnden Besichtigung eines beschaulich beschränkten Lebensraum, den Schulz mit großer Sympathie, doch ohne Verniedlichung schildert.

Man erlebt, wie ein Flecken in der rheinischen Provinz sich auf die „Passage" des Kaisers vorbereitet, der bei der Anreise zur Saujagd ins Sauerland auch Lindlar durchquert. Man erfährt, was Ölsardinen für einen hervorgehobenen Stellenwert auf der Skala der Luxusgüter in der ländlichen Vorkriegsgesellschaft einnahmen (und wie zugleich die Mär vom „Fuchs, der Dosen öffnen konnte", in Umlauf kam). Und man vernimmt die erschröckliche Nachricht von den Bankräubern, die durch einen umgeworfenen Tisch in die Flucht geschlagen wurden.

Dann ist da die Ebene des Menschlichen und Allzumenschlichen, der zeitlos gültigen Charakterskizzen und warmherzigen Porträts: „Minchen mit dem Hackebeil" tritt auf, die ein Eheglück rettet, indem sie einem Hühnerleben ein Ende setzt. Es begegnen einfache Leute wie „Alban Sülz, Kutscher" oder der Mann, der im Steinbruch „den Kram zusammenhielt" (nicht: „dä dä Kro-em ze-sammeheelt"; Schulz vermeidet Mundart, die den Verbreitungshorizont der Geschichten begrenzt hätte). Man trifft Jan Stokowski, der als Seemann und ehemaliger Asienfahrer in einem Ohrensessel unter Landratten gestrandet ist, sozusagen auf der Leeseite des Lebens, und nun als Rentner Himbeerkaramellen verschenkt. Und es kommt die traurige Erklärung heraus, warum „Richard in der Donnerkischt" so sehr recht mit seiner Angst vor Gewittern hatte.

Und schließlich ist da die Ebene der philosophischen, aber auch der kritischen Reflektion: Der Spiegel, den Schulz den heutigen hektischen Zeitläuften am Beispiel der damaligen Ruhe und Gemütlichkeit vorhält. Doch auch die „gute, alte Zeit" erhält keinen Goldrand. Schulz, selbst acht Jahre Soldat und Kriegsgefangener lässt die Lektionen der Geschichte nicht unerwähnt: Die Walnussbäume rund um die Schule mussten fallen, weil ihr Holz besonders harte Gewehrkolben ergab, und schon der Vierjährige wird im lächerlichen Matrosenanzug vorgemerkt als Kanonenfutter für die Seeschlacht gegen Engeland.

Die moralische Qualität der Geschichten wird jedoch nicht in dieser unaufdringlich servierten „political correctness" spürbar, die nicht mit dem Zeitgeist flirten, sondern Weisheit aus Erfahrungen destillieren möchte. Die moralische Qualität besteht darin, dass die Komik nicht auf Kosten der geschilderten Personen geht. Bei vielen ist von ihrem Tod die Rede und die kurzen Zeilen setzen ihnen ein klitzekleines, aber würdiges Denkmal.

Nicht zuletzt auch die Illustrationen von Bruno Kröll machen 24.80 Mark für das 160 Seiten starke Büchlein nicht zu teuer.

Aus: Bergische Landeszeitung 13. Dezember 1996

 Damals.

Der alte Stokowski zählte Karamellen ab.

Zeichnung: Kröll

Damals. Dorfgeschichten aus dem Bergischen Land













Der Handkarren
ist für Bernhard Schulz Symbol der alten Zeit.

Damals. Dorfgeschichten aus dem Bergischen Land. Von Bernhard Schulz. Er ist ein begnadeter Erzähler, der aus Lindlar gebürtige, in Osnabrück lebende Journalist. Er stand vor 70 Jahren „an der Wiege des Heimatkalenders" in Rhein-Berg, volontierte sogar beim Johann Heider Verlag in Bergisch Gladbach und ist nach Jahrzehnten von diesem „heimgeholt" worden mit einem zauberhaften Band, nachdem der Rheinisch-Bergische Kalender ihn spät, aber nicht zu spät „entdeckt" hatte. 50 Geschichten, die schon ihren Weg durch renommierte Zeitungen, Zeitschriften. Anthologien und Jahrbücher gefunden hatten, weit über Deutschland verstreut, sind nun hier für den Leser in der Heimat versammelt - unter so vielsagenden Titeln wie: Die blaue Stunde / Ungewöhnlicher Verlauf eines Bankraubs / Latein beim alten Dreesbach / Uns ist so nach Zigarre (da handelt es sich um ältere Damen, die den Zigarrenrauch vermissen) / Meine Strafe hieß Selma / Richard in der Donner-kischt / Alles wegen Tante Nora / Rosita am schwankenden Mast / Fräulein Braschos aus Berlin / Lady Peng / Warten auf den Drei-Uhr-Zug / Das Himmelreich ist nahe / Sanft ruhen die Barone. Eine Auswahl nur, die staunen macht, was da so alles in der guten alten Zeit im Rheinisch-Bergischen passierte. Man muß das freilich so wunderbar literarisch „verarbeiten" können wie dieser Schriftsteller, der „im Alltäglichen das Nichtalltägliche, im Absonderlichen das Liebenswürdige aufzuspüren versteht", so ein Kritiker. Man muss sie selbst lesen und sich hineinversenken in die kleinen Szenen, die Bernhard Schulz mit behutsamer Zartheit erzählt, mit feiner Beobachtungsgabe, die dem Leser ein Lächeln schenken, durch das manchmal eine heimliche Träne schimmert. Ein Büchlein für alte und junge Menschen, die sich anrühren lassen, mit köstlichen Illustrationen von Bruno Kröll. Eine Kostbarkeit, die sich auch als Geschenk zu vielen Gelegenheiten eignet durchs ganze Jahr.

Aus: Rheinisch-Bergischer Kalender 1998