80. Geburtstag

22. April 1993

Ungezählte Geschichten: Bernhard Schulz wird heute 80

Auf der Straße, sagt Bernhard Schulz, finde er die Themen seiner ungezählten Kurzgeschichten. Fabulierfreudig, wortgewitzt und ausdrucksgenau verhilft er solchen „Fundsachen" zu Glanz und einer, Prägnanz, die ihm den Ruf eines Meisters der kleinen Form eingetragen hat.

Der Feuilletonist, als Redakteur und gescheiter, kompetenter Kritiker jahrzehntelang für die Osnabrücker Tagespresse tätig, blickt als Erzähler nicht ungern zurück in eine Vergangenheit, die ihm besonnt erscheint. Er blickt zurück nicht ohne Melancholie, doch entschlüpft er der puren Nostalgie immer wieder durch Hintertürchen des Humors. Skeptisch gestimmt gegen zweifelhafte Segnungen der Technik, gegen große Worte und fragwürdige Ideale, zielt er vom Rand der Erscheinungen her auf den Kern. Viele seiner Plaudereien, denen Wilmont Haake, den alten Ludwig Speidel zitierend, „Unsterblichkeit des Tages" bescheinigte, sind Momentaufnahmen aus dem Lebenskreis eines Städters, der sich, ohne drum gleich ein Träumer zu sein, vom erdachten Zauber einfachen Lebens fesseln lässt.

Besinnliche Geschichten, die das Leben schrieb oder geschrieben haben könnte, brillant geschliffene Miniaturen, an Atmosphäre reiche Reise-Impressionen: sie liegen, gebündelt, gedruckt und teils sehr hübsch illustriert, in nicht weniger als sieben Bänden vor. Unter den größeren Arbeiten hat die bei Hans Christians erschienene Novelle vom „Gurren der Tauben in der Sommerzeit" besonderes Gewicht. In dieser bedachtsam komponierten Schilderung einer Jugendzeit hat man den ganzen Schulz: Den spezifisch feuilletonistischen Charme der Diktion, den schnurrig-humorigen Tonfall, den Blick eines Poeten, der kein Schönfärber ist. - Heute wird er, schaffenslustig und bei guter Gesundheit, 80 Jahre alt. (mb)

Aus: Neue Osnabrücker Zeitung 22. April 1993

 

 

„Unzerstörbarer Humor"

Geburtstagslesung für Bernhard Schulz im Ledenhof

„Nicht das Spektakuläre ist das Thema von Bernhard Schulz, sondern die Nebensächlichkeiten, das Alltägliche, das in seinem Werk zur Hauptsache wird." Mit diesen Worten begann Ludwig Lanver, der Vorsitzende des Osnabrücker Kulturausschusses, seine Laudatio auf Leben und Werk des Osnabrücker Redakteurs, Feuilletonisten, Kritikers und Schriftstellers Bernhard Schulz. Zu Ehren seines 80. Geburtstages hatte die Literarische Gruppe Osnabrück zu einer Lesung mit Musik in den Ledenhof eingeladen. Auf dem Programm standen ausschließlich Werke von Bernhard Schulz, die von Mitgliedern der Literarischen Gruppe gelesen wurden. Die Pianistinnen Margret Lejeune und Ingeborg Weyer begeisterten zwischen den einzelnen Erzählungen mit den ,,Six Mor-ceaux Opus 11" von Sergej Rachmaninoff am Flügel.
Bernhard Schulz' Hauptanliegen sei es, seine Leser aufzurütteln und gleichzeitig zum Lachen zu bringen. Dabei rücke er den einzelnen Bürger mit seiner Lebenswelt in den Mittelpunkt des Geschehens, was ihn zum Schriftsteller der kleinen Leute" mache, wie Ludwig Lanver in seiner Rede weiter betonte. Aus seinen Erzählungen spräche trotz aller Alltagswidrigkeiten ein unzerstörbarer Humor, der dem Leser vermittele, sich selbst und seine Umwelt nicht so ernst zu nehmen.

Dieser für Bernhard Schulz so typische Humor zog sich auch durch die meisten der vorgelesenen Erzählungen. Stephan-Lutz Tobatzsch las seinen Auszug aus ,,Das Gurren der Tauben in der Sommerzeit" (1976). Geschildert wird eine Kindheit auf dem Lande, das Leben in einem Fachwerkhaus, in dem sich neben der Familie auch allerlei Getier eingenistet hatte. Darunter unzählige Ameisen, die sich einfach nicht ausrotten ließen. Schließlich gewöhnten sich alle daran, selbst in der Erdbeermarmelade Ameisen zu finden, denn Ameisen seien ja so nützliche Tiere, die nicht vernichtet werden dürften.

Auch in der von Erika Rauschning gelesenen Erzählung ,,Der Ölsardinenbaum" ging es um eine ganz spezielle Kindheitserinnerung. Die Gier nach einer bestimmten Speise, die jeden Menschen dann und wann überfällt, äußert sich hier in einer leidenschaftlichen Sucht nach Ölsardinen. Der zehnjährige Held der Geschichte investiert bald sein ganzes Geld in die begehrte Speise, die er dann heimlich auf einem Baum sitzend vertilgt.

Dass Bernhard Schulz neben seinen humoristischen Werken auch Erzählungen mit ernstem Hintergrund verfasste, zeigten die von Thomas R. Bökelmann und Ulrike Mehdi-Irai gelesenen Auszüge aus ,,Holz für Schaukelstühle und dergleichen" und ,,Stiefel für Maruschka". Da wird das Holz der geliebten Nussbäume, die das Schulhaus umringten, zu Gewehrkolben verarbeitet, da kommt die Mutter eines Soldaten ins Gefängnis, weil sie Schuhe an polnische Frauen verschenkt hatte. Aus diesen Erzählungen spricht Bernhard Schulz' tiefe Überzeugung ob der Sinnlosigkeit des Krieges. Er selbst sagt in seinem Lebenslauf zum Thema Krieg: „Habe acht Jahre vertan in Krieg und Gefangenschaft."

Ludwig Lanver wünschte dem Jubilar für sein weiteres Leben ,,keinen Ruhestand, sondern einen literarischen Unruhestand." (cp)

Aus: Neue Osnabrücker Zeitung 24. Mai 1993

 

Dankschreiben

Allen Verwandten, Freunden und Nachbarn, die mir zu meinem achtzigsten Geburtstag Gesundheit und mir und der Familie weiterhin Glück gewünscht haben, möchte ich mit diesem Brief von Herzen Dank sagen. Es tut gut zu wissen, dass man den Verwandten, Freunden und Nachbarn eine Flasche Wein, ein Buch, eine Krawatte, einen Blumenstrauß, ein Telegramm, einen Anruf und einen Brief wert ist. Achtzig Jahre sind eine lange Strecke, auf der ich nicht immer mit Tralala auf den Lippen, sondern bisweilen auch mit Zorn in der Wade gekrochen bin. Achtzig Jahre, das ist die Summe allen Kummers, die ein Leben ausmacht, aber es ist auch die Summe aller Freuden, die einem zuteilwurden. Und was kommt jetzt? Ich werde eine Flasche entkorken und mir mit meiner lieben Frau Gerda, die so tapfer durchgehalten hat, auf das Wohl der Verwandten, Freunde und Nachbarn ein Glas genehmigen.

Gruß und Dank

Euer Bernhard

 



 

Beiträge von Freunden und Verwandten zur Feier dieses Tages:

GRUSSWORTE des Herrn Ludwig Lanver, Vorsitzender des Kulturausschusses der Stadt Osnabrück, am 21.5.93 im Renaissancesaal des Ledenhofes aus Anlass meines 80. Geburtstages.


Meine sehr verehrten Damen und Herren,
e
s gibt auf der kommunalen Ebene Veranstaltungen, die man eher als lästige Pflichtübung absolviert, und es gibt Veranstaltungen, die einen besonderen Reiz in und an sich haben und von Interesse sind, weil man im wahrsten Sinne des Wortes dazwischen sein möchte, sein darf.
Der heutige Abend gehört aus meiner Sicht zu der letztgenannten Veranstaltungsart, denn ich bin sehr froh, einen Mann persönlich kennenzulernen, der jahrzehntelang mit seinem Wort und mit seiner Kompetenz die Osnabrücker Tagespresse mitgeprägt hat. Ich freue mich, dass ich heute Abend bei dieser Veranstaltung der Literarischen Gruppe Osnabrück dabei sein kann, die anlässlich des 80, Geburtstags von Bernhard Schulz diesen Abend gestaltet.
Lieber Herr Bernhard Schulz, Sie begrüße ich besonders heute Abend, und als Vorsitzender des Kulturausschusses übermittle ich Ihnen zuerst herzliche Grüße im Namen all der Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt, für die Sie gearbeitet und geschrieben haben und für die Sie wichtig waren: als Redakteur, als Kritiker, als Feuilletonist, als Schriftsteller. Auf unterschiedliche Weise haben Sie versucht, mit Geschichten und Büchern, die aus Ihrer Feder stammen die Menschen zu erreichen. Mal benutzten Sie Ihr Schreibwerkzeug als "spitze Feder", um Menschen aus Ihrer Schlafmützigkeit aufzuwecken, mal diente die umgekehrte Seite Ihrer Feder dazu, die Menschen zu kitzeln, um sie aus ihrer Verbissenheit und Engstirnigkeit humorvoll zu entkrampfen.
Ich überbringe Ihnen heute Abend aber nicht nur die Grüße unserer Bürger, sondern auch alle guten Wünsche vom Rat und von der Verwaltung der Stadt Osnabrück. Jedes geschriebene Wort, was in die öffentlichkeit gelangt, ist im weitesten Sinne auch politisches ( griech. polis) Wort und daher von Interesse.
In der Anthologie "Treffpunkt" der Literarischen Gruppe Osnabrück sind Ihre biographischen Daten in zwei Sätzen zusammengefasst: "Bernhard Schulz. Geboren 1913 in Lindlar im Oberbergischen Land. Im Journalismus gedient von der Pike auf bei Tageszeitungen und Zeitschriften in Köln, Hannover und Berlin. Acht Jahre vertan an Krieg und Gefangenschaft. Lebt in Osnabrück und schreibt Geschichten zum Vorlesen und Abdrucken. Es folgt dann eine Liste von zahlreichen Veröffentlichungen.
Als Politiker steht es mir nicht zu, eine literarische Würdigung Ihres Gesamtwerkes vorzunehmen. Dennoch lassen Sie mich heute Abend einige Aspekte nennen, die ich aus meiner Sicht für wichtig und nachdenkenswert halte.

Lieber Herr Schulz!
In vielen Ihrer Kurzgeschichten rücken Sie die sogenannten "kleinen Leute" ins Zentrum. Nicht das Spektakuläre, die Highlights, die Sensation, das Außergewöhnliche ist Ihr Thema, sondern Sie bringen das zur Sprache, worüber sonst nicht gesprochen wird: Die Selbstverständlichkeiten, die keine sind; die Alltäglichkeiten, die das Besondere ausmachen; die Nebensächlichkeiten, die zur Hauptsache werden können.

Lassen Sie mich das an einigen Beispielen konkretisieren: Da gibt es die einfachen, schlichten, männlichen Durchschnittsangestellten im Büro, für die "Miss Karamelle" in ihrem Alttagstrott der Lichtblick ist. Da gibt es den jungen Mann vom Lande, der den weltentrückten Kränzchendamen im städtischen Kaffeehaus mit seinem "duftenden" Hahn den "Atem der Schöpfung" spüren lässt. Dann das unscheinbare,namenlose Mütterchen, dass einen "Mann von der Titelseite" mit einer Mark eine neue Lebensdimension eröffnet.
Als Schriftsteller der "kleinen Leute" rücken Sie den einzelnen Bürger mit seiner kleinen Lebenswelt in den Mittelpunkt. Zu oft geht uns als Politiker der Blick für diese Alltagswelt und ihr individuelles Lebensgeschichten verloren. Wir sehen Menschen, aber nicht den Menschen.
Ein zweiter Aspekt: In Ihren Geschichten spielt die Heimat eine wichtige Rolle. Heimat als der Ort, an dem die Menschen ein Zuhause haben, an dem sie sich wohlfühlen kennen, wo sie sich auskennen. Heimat ist nicht Provinzialismus und Engstirnigkeit, sondern Ort menschlicher Geborgenheit und Wärme.
Wir Kommunalpolitiker sind vor allem dazu da, für die Menschen in unserer unmittelbaren Nähe eine heimatliche Stadt mitzugestalten, d.h. dafür zu sorgen, dass Menschen in ihrer Stadt ein Zuhause erleben können.
Ein dritter Aspekt: Ihre Geschichten enthalten Humor. "Humor ist, wenn man trotzdem lacht". Genau auf dieses "Trotzdem" kommt es an. Sie haben es verstanden, trotz vieler Widrigkeiten, den Menschen ein Lächeln abzuringen. Lächeln über eigene Schwächen, über Versagen, über die bedrückenden Sorgen des Alltags hinaus. Sie haben damit jene Kraft im Menschen geweckt, die er braucht, um sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen, um nicht zu verbiestern.
Ich denke, dass auch uns Politikern, egal auf welcher Ebene, eine Portion Humor und Gelassenheit gut täte. In Ihrem Werk haben Sie uns viele Beispiele dafür aufgezeigt. Dafür herzlichen Dank.

Lieber Herr Bernhard Schulz, wer in Gesundheit 80 Jahre alt geworden ist, der kann dankbar und glücklich sein. Viele Menschen haben Sie auf Ihrem Lebensweg begleitet und haben Ihre literarische Arbeit unterstüzt und gefördert. Besonders erwähnen möchte ich hier Ihre Frau und Ihre Familie* Ich wünsche Ihnen noch weitere glückliche Jahre in Gesundheit und geistiger Frische, und dass Sie für uns aus Ihrem reichhaltigen Lebenswissen noch Geschichten schreiben, die uns jung halten. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen keinen Ruhestand, sondern einen literarischen Unruhestand.
Ich wünsche aber auch der Literarischen Gruppe Osnabrück Mitglieder von dem Format eines Bernhard Schulz, die durch ihr literarisches Schaffen für die Menschen unserer Stadt ein Gewinn sind und uns Politikern Geschichten von Menschen erzählen, von denen wir gewählt sind, und für die wir da sein wollen.

Osnabrück, den 21.Mai 1993
Ludwig Lanver

 

Das Programm des Abends

LITERARISCHE GRUPPE OSNABRÜCK E. V.

LESUNG MIT MUSIK ZU EHREN VON BERNHARD SCHULZ 80. GEBURTSTAG

PROGRAMM

MUSIK : Sergei Rachmaninoff / Six Morceaux Op. 11

No. 1 Bararolle / Ingeborg Weyer und Margret Lejeune am Flügel

Begrüßung: Ursula Bernard-Schwegmann

"An meinem Geburtstag aus "Damals auf dem Dorf", 1976

Grußworte der Stadt Osnabrück vom Vorsitzenden des Kulturausschusses

der Stadt Osnabrück Herrn Ludwig Lanver M U S I K : No. 2 Scherzo

Lesung aus dem Werk von Bernhard Schulz:

Hermann Wischnat: "Wollen balde Kommen" aus "Poesie der Feldwege",

Lechte Verlag,1989 Erika Rauschning: "Der Ölsardinenbaum" aus "Damals auf dem Dorf",

Eugen Salzer Verlag Thomas R. Bökelmann: "Holz für Schaukelstühle und dergleichen"

(unveröffentlichte Neubearbeitung)

M U S I K : No. 3 Theme Russe

Elly Wübbeler : "Eusebio und die Lehrerin" aus "Mister Walroß",

Eugen Salzer Verlag,1973 Meine Strafe hieß Selma (unveröffentlicht) MUSIK: No. 4 Valse

Stephan-Lutz Tobatzsch: Auszug aus der Erzählung "Das Gurren der

Tauben in der Sommerzeit", Hamburg 1976 M S I K : No. 5 Romance

Ulrike Mehdi-Irai: Auszug aus der Erzählung "Stiefel fürMaruschkq°

Leeden Verlag, 1986

MUSIK :No. 6 Slava

 

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